Verhaltenstherapie versus Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Was gibt es noch außer der VT-Ausbildung? Doch nur die Analyse, oder?

Nein, es gibt noch das dritte Richtlinien-Verfahren, die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TfP oder TP).

Aus der Psychoanalyse entstanden, ist sie der kürzere, fokussierte Ansatz. Von den durchgeführten Therapien in Deutschland beim niedergelassenen Therapeuten sind heute etwa 47 % Verhaltenstherapie, 47% Tiefenpsychologisch fundierte Therapie und nur 6% Analytische Therapie (Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung). Die in der DFT (Deutsche Fachgesellschaft für Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie) organisierten Institute (ca. 18) bilden derzeit ca. 2.000 Psychotherapeuten aus.

Man kann die Analytische und die Tiefenpsychologisch fundierte Therapie zusammen erlernen (sog. „verklammerte Ausbildung“), aber auch direkt nur die TfP.

Die TfP hat – besonders hier bei uns an der WIAP – auch viele Einflüsse der humanistischen Therapieansätze vereint, also z.B. Gesprächspsychotherapie, Systemische Therapie, Psychodrama und Gestalttherapie.

In der TfP geht es um Muster. Um Erlebens-, Verarbeitungs- und vor allem Beziehungsmuster, die jemand früh in seinem Leben ausbildet, um in seiner Welt klar zu kommen. Oft fahren wir ganz gut damit, aber manchmal machen uns diese Muster später im Leben Schwierigkeiten, z.B. bei Schwellensituationen wie Arbeitseintritt, neue Beziehung, Trennung, und wir entwickeln als Notlösung Symptome. In der Therapie versuchen wir zusammen die Muster und ihre Entwicklungsbedingungen zu verstehen. Wenn mir die Muster bewußt sind, kann ich mich neu entscheiden und dann neue Wege ausprobieren und üben. Die TfP bleibt nicht in der Erklärung stehen („Weil meine Mutter mich nicht gestillt hat, saufe ich heute“), sondern zielt auf eine Änderung im Hier und Jetzt. Weil die Muster auch zwischen Patient und Therapeut wirken – wir sprechen von Übertragung und Gegenübertragung – kann man sie auch genau da erkennen und bearbeiten. Das kann anstrengend, aber auch sehr spannend sein.

In der modernen Tiefenpsychologie befindet man sich sozusagen zwischen der Verhaltenstherapie und der Psychoanalyse. Das Menschenbild und die therapeutische Haltung sind humanistisch, d.h. ressourcenorientiert; das Konfliktverständnis ist psychodynamisch, d.h. biographische Einflüsse werden berücksichtigt; das Vorgehen kann mal prozess-, aber auch zielorientiert sein – mit Techniken aus anderen Verfahren, die im psychodynamischen Rahmen angewandt werden können.


Fragen und Antworten

Das klingt interessant, wo kann ich denn sowas mal sehen?

Schauen Sie die Serie „In Treatment“!

Oder kommen Sie zu einem unserer Info-Tage zur Schnuppervorlesung über Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.


Aber die VT-Ausbildung ist viel kürzer und schneller?

Nein, bzw. naja.

Nach den Forschungsgutachten des Bundesgesundheitsministeriums zur Ausbildung von Psychologischen PsychotherapeutInnen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten gibt es signifikante Unterschiede, aber vor allem zwischen VT und Analytischer bzw. Verklammerter Ausbildung.

Die Zahlen für VT und TfP:

VT in Vollzeit M= 3,92 Jahre in Teilzeit M= 5,31 Jahre

TfP in Vollzeit M= 4,12 Jahre in Teilzeit M= 5,55 Jahre

Verhaltenstherapie wird häufiger in Vollzeit gelernt, die anderen Verfahren häufiger in Teilzeit. Der Aufwand insgesamt ändert sich dadurch aber nicht. Bei allen Ausbildungen sind die Gesamtstunden vom Psychotherapeutengesetz vorgegeben: 4200 Stunden.


… und billiger?!

„Zeit und Kosten sparen“ kann man vor allem, wenn die im Gesetz vorgeschriebene Selbsterfahrung komplett in der Gruppe stattfindet statt im Einzelkontakt. Das ist in den Verhaltenstherapie-Ausbildungen meist der Fall. Wollen Sie keine Einzelselbsterfahrung? Dann ist das eine Möglichkeit. Interessantes Ergebnis des Forschungsgutachtens war auch, dass die VTler sich Einzelselbsterfahrung wünschen. Dadurch dass die Einzelselbsterfahrung 50 Sitzungen umfasst und im ersten Jahr beginnt, verlängert dies nicht die Ausbildung in der TfP. Die Ausbildungskosten an der WIAP mit 19.940 EUR können durch Einnahmen aus den Ausbildungsbehandlungen vollständig refinanziert werden.


Bekommt man nicht bei den VT-Instituten vieles aus der Klinik anerkannt und muss deshalb weniger machen?

Das hängt vom einzelnen Institut ab. Wir entscheiden uns ganz bewusst dagegen! Wir halten die Behandlungserfahrung bei den selbst durchgeführten, ambulanten Therapien für das A und O der Ausbildung. Schließlich darf man ab dem Tag der Approbation eigenverantwortlich Menschen „heilen“ und dafür sollte man bestmöglich ausgebildet sein. Stationäre Psychiatrie und Psychotherapie sollte man im Psychiatriejahr (1200 bis 1800 Stunden) gesehen haben.

© Wiesbadener Akademie für Psychotherapie, 2013

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